Privatstunden - Alain Claude Sulzer
Ende der sechziger Jahre erlernt ein junger osteuropäischer Emigrant in der Schweiz die deutsche Sprache im Hause seiner Privatlehrerin, einer jungen Frau, die nach der Geburt des zweiten Kindes den Lehrerberuf aufgegeben hat. Sie, die Deutschlehrerin, wird zum wichtigsten Bezugspunkt im neuen Leben des Studenten. Über das elementare Erlernen der deutschen Sprache entsteht eine Nähe, der sich weder die Lehrerin noch ihr Schüler entziehen können. Jahrzehnte später besucht der Sohn der Deutschlehrerin ihren einstigen Geliebten ... Privatstunden ist ein klassischer Liebesroman, der auf komplexe und zugleich überraschende Weise die ewigen Fragen nach Hingabe, Verdrängung und Aufrichtigkeit umkreist ergründet in einer feinziselierten Sprache das Aufbrechen einer nur scheinbar harmonischen Familiensituation mit dem Auftauchen einer fremden Person.
Alain Claude Sulzer erzählt die Geschichte eines Sohnes, der den Vater bei seinem Doppelleben ertappt, die Geschichte einer Mutter, die eine Familie zusammenhält, sich aber längst verschüttet geglaubter Gefühle und Wünsche bewußt wird, und die Geschichte des Emigranten Leo, der sich wehmütig seiner verlassenen Liebe, seiner zurückgelassenen Großmutter und seines ausgewanderten Bruders erinnert.
- Alain Claude Sulzer
- Privatstunden
- Roman
- 240 Seiten
- Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen
- EUR 19.95 / EUR 20.60 (A) / sFr. 34.00
- ISBN: 978-3-905513-43-1
Alain Claude Sulzer, geboren 1953, Schriftsteller ("Annas Maske", "Urmein"), lebt in Basel und im Elsass.
Pressestimmen
"Es sind diese zwischenmenschlichen Verflechtungen, die Sulzer wie nur wenige zu schildern versteht."
Aargauer Zeitung vom 31. Juli 2007
"In Alain Claude Sulzers Romanen kann die Liebe nicht gelebt werden. Auch in Privatstunden führt eine Passion ins Schweigen."
Schweizer Illustrierte vom 14. August 2007
"Alain Claude Sulzer ist ein wohltuendes, feingewobenes Werk gelungen, in dem das Bequatschen keine Chance hat."
Die literarische Welt vom 1. September 2007
"Sulzer entwirft den Roman als Kammerspiel mit begrenztem Personal, wenigen Schauplätzen, nur angedeuteten Hintergründen. Gerade diese Reduktion aber und Sulzers ruhige, undramatische Erzählweise vermitteln das Klima emotionaler Gefangenschaft und biografischer Unfreiheit. Der Liebesverräter ist ein Opfer dieser Unfreiheit wie die Verratene."
Deutschlandradio vom 3. September 2007
"Alain Claude Sulzer schreibt ein großartiges Buch über eine unstatthafte Liebe und katapultiert sich damit in die Spitzenliga der Schweizer Literatur."
Rheinischer Merkur vom 25.Oktober 2007
"Kein Leser wird die Trostlosigkeit von Marthas Leben, ihrem Warten, ihrem Aufblühen, ihrer Erfüllung mit Leo, unberührt lassen. Und das alles geschrieben ohne Plattitüden, ohne Rührseligkeit, aber mit der nötigen Prise Spannung. Sulzer gelingt einmal mehr eine Geschichte aus dem wirklichen Leben. Für den Leser ein Hochgenuss."
Hamburger Abendblatt vom 17. Oktober 2007
"Sulzers Erzählstil ist elegisch, seine Geschichten besitzen die Gnadenlosigkeit der Elegie und die Logik des Unglücks. Seine Leidenschaften sind von Anfang an aufs Ende hin entworfen. Sulzer erzählt von emotionaler Gefangenschaft und biografischer Unfreiheit."
Tages-Anzeiger vom 12. November 2007
"So sind wir wohl: ein bisschen erniedrigt und beleidigt und in melancholischen Fluchten befangen. Etwas heimliche Süsse und in der Grammatikstunde die Möglichkeitsform. Vermutlich spricht es für dieses Kleinod von Roman, dass es sich auch gegen den Strich lesen lässt."
Neue Zürcher Zeitung vom 5. Januar 2008
"Während der Durchschnittsschweizerautor über den gedanklichen und sprachlichen Resonanzkörper einer Ukulele verfügt, hat jener von Alain Claude Sulzer mindestens Cellogrösse."
Weltwoche 03/08
Je größer die Distanz zwischen dem Tag seiner Abreise und der Gegenwart wurde, die aus ihm einen neuen Menschen machte, je leichter es ihm fiel, sich in seiner neuen Umgebung zu behaupten, ohne sich ständig beobachtet zu fühlen (natürlich wurde er beobachtet, aber es gelang ihm, das zu übersehen), desto mehr entglitten ihm Lauras Gesicht, ihr Geruch und das Gefühl von Sicherheit, das er in ihrer Nähe stets so stark empfunden hatte. Wenn er nachts nicht einschlafen konnte – seiner Schlaflosigkeit erfolgreich entgegenzuwirken würde ihm noch lange nicht gelingen, versuchte er – ihr Aussehen zu rekonstruieren. Stets von neuem. Es fiel ihm von Mal zu Mal schwerer. Leo, der sich einredete, als ihr Treuhänder gehandelt zu haben, hatte sie in Wirklichkeit verraten.
Lauras Gesichtszüge verwehten fast ebenso schnell wie in jenem italienischen Film, den er einige Jahre später sah, die antiken Fresken, die sich mit der Zufuhr frischer Luft aus der Zivilisation im Nu in nichts auflösten, mit dem Unterschied, daß Lauras Züge Spuren hinterließen, die nicht ihr Bild, sondern jene Gefühle heraufbeschworen, die Lauras Gegenwart einst in ihm erregt hatte. Es fehlten ihr Atem und ihr Geruch. Ein seltsamer Vorgang, den er sich nicht erklären konnte und der sich nicht beliebig wiederholen ließ. In einem verborgenen Winkel seines Gedächtnisses haftete noch nach Jahren die Erinnerung an Laura, die wie ein Boot, das von der Welle eines kreuzenden Schiffes hochgehoben und nach unten gerissen wird, unvermittelt auftauchen konnte, um gleich wieder unterzugehen.